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0ffener Brief zur Gentechnik im Obstbau an das Julius-Kühn-Institut in Pillnitz, Frau Dr. Hanke

by fortak last modified 2008-08-24 03:55


Arbeitsgruppe Gentechnik im Pomologen-Verein e. V.


An das
Julius Kühn-Institut,
Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen (JKI)
Institut für Züchtungsforschung an gartenbaulichen Kulturen und Obst
Frau Prof. Hanke, Herrn Dr. Flachowski
Pillnitzer Platz 3a
01326 Dresden

12.02.2008
Offener Brief zum Thema Risiken der Gentechnik im Apfelanbau
Sehr geehrte Frau Professorin Hanke, sehr geehrter Herr Dr. Flachowsky!
Aus Sorge über mögliche gesundheitliche Risiken der Gentechnik für Mensch und Tier sowie aufgrund der Gefahr einer Beeinträchtigung der Natur, stehen der Pomologen-Verein und die Unterzeichner diesem Thema kritisch gegenüber.

Wir beziehen uns mit diesem Schreiben auf Ihre Veröffentlichung „Welche Risiken sind beim Anbau von gentechnisch veränderten Apfelbäumen zu erwarten“, erschienen im „Forschungsreport 1/2006“ des Bundesministeriums für Forschung und Technologie, sowie auf Ihre – Frau Prof. Hankes – Risikobetrachtungen zur Gentechnik im Apfelanbau aus dem Jahre 2003, publiziert unter www.biosicherheit.de.

Da wir davon ausgehen, dass Ihre Veröffentlichungen zum Thema Gentechnik im Obstanbau von Politikern wahrgenommen und zur Entscheidungsfindung im politischen Raum herangezogen werden, wenden wir uns mit einem Offenen Brief an Sie.
Wir begrüßen es, wenn bei der Gentechnikforschung am Institut für Obstzüchtung in Dresden-Pillnitz auch Sicherheitsfragen im Fokus der Forschung stehen. Ihre Schlussfolgerungen bezüglich der Beherrschbarkeit des Risikos einer unkontrollierten Ausbreitung gentechnisch veränderter Apfelsamen sind unseres Erachtens jedoch wissenschaftlich und aus Sicht obstbaulicher Praktiker nicht haltbar. Dies möchten wir im Folgenden näher ausführen:

Die Auffassung, dass der Aufwuchs von gentechnisch veränderten Apfelsamen innerhalb bewirtschafteter Erwerbsobst-Anlagen eher unwahrscheinlich ist, teilen wir. Was aber passiert, wenn Bienen, Hummeln und andere Insekten die Apfelbäume in der Umgebung von GVO-Obstanlagen mit dem Pollen der gentechnisch manipulierten Apfelsorten befruchten oder wenn Vögel und Kleinsäuger die mit den Früchten in der Anlage anfallenden GVO-Samen in die Umgebung tragen?

Sie begegnen diesen Befürchtungen mit folgendem Argument: „Auch außerhalb der obstbaulich genutzten Flächen ist eine solche ‚Auswilderung’ unwahrscheinlich, da Apfelbäume in unserer genutzten Kulturlandschaft kaum Aufwachsmöglichkeiten haben.“ Diese Aussage deckt sich nicht mit unseren Erfahrungen. In den deutschen Obstanbaugebieten findet man an Böschungen, Straßenrändern und sonstigen nicht intensiv genutzten Flächen in großer Zahl unkontrolliert aufgewachsene Apfel-Zufallssämlinge. Die Sortenexperten des Pomologen-Vereins e.V. werden jedes Jahr aufs Neue damit konfrontiert, wenn sie Früchte solcher Zufallssämlinge auf Apfeltagen zur Sortenbestimmung vorgelegt bekommen.

Auch die Behauptung: „Die Entstehung von Sämlingen in bewirtschafteten Obstanlagen und Kleingärten kommt nicht vor.“ (Hanke, 2003), deckt sich nicht mit unseren Beobachtungen. Ganz im Gegenteil: gerade private Kleingärtner haben zu allen Zeiten Zufallssämlinge in ihren Gärten aufwachsen lassen. So sind seit Jahrhunderten neue Apfelsorten entstanden.

Weiter schreiben Sie: „An Waldrändern, wo ausreichend Licht vorhanden ist, könnten Samen auskeimen. Aber es ist eher unwahrscheinlich, dass aufgrund von Umweltbedingungen und Konkurrenz in Pflanzengemeinschaften solche Bestände entstehen. ... Wenn dies die Regel wäre, müssten wir nicht die heimische Wildart Malus sylvestris, den Holzapfel, schützen und kartieren, sondern es gäbe ausgedehnte Wälder“. Auch diese Schlussfolgerung ist unseres Erachtens falsch: Dass die Apfel-Wildart Malus sylvestris heute selten geworden ist, liegt gerade daran, dass sie an den ihr zusagenden Standorten in der Regel durch Kulturapfelsorten verdrängt wurde (oder mit diesen bastardisierte), und nicht an grundsätzlich fehlenden Aufwachsmöglichkeiten.
Im Falle eines Anbaus gentechnisch veränderter Apfelsorten enthielten solche Zufallssämlinge künftig möglicherweise gentechnisch veränderte Erbanlagen.

Nicht nachvollziehbar ist für uns darüber hinaus insbesondere, dass Sie bei der Beurteilung des Ausbreitungsrisikos von gentechnisch veränderten Apfelsamen ihren Fokus ausschließlich auf die bewirtschaftete Obstanlage und ihre Umgebung richten. Gänzlich unbeachtet lassen Sie die Tatsache, dass die gentechnisch veränderten Äpfel selbst – wenn sie in größerem Maßstab angebaut und gehandelt werden – gentechnisch verändertes Erbgut in viel größerem und völlig unkontrollierbarem Ausmaß in die Welt tragen werden. Sie schreiben: „Die Bestrebungen der auf dem Gebiet der Gentechnik arbeitenden nationalen Gruppen richten sich ... eher auf die Verbesserung einer Weltmarktsorte. Dazu muss man wissen, dass lediglich vier Apfelsorten die Weltproduktion bestimmen“ (Hanke, 2003).

Ist jedoch auch nur eine einzige gentechnisch veränderte Weltmarktsorte erst einmal im Handel bzw. an der Ladentheke allgemein erhältlich, haben wir in kürzester Zeit Milliarden
von gentechnisch veränderten Samen, die von den Konsumenten nach dem Verzehr auf den Kompost, an den Straßenrand oder sonst wohin ausgespuckt oder weggeworfen werden.

Weitere Milliarden von gentechnisch veränderten Apfelsamen werden mit der von den Plantagenbesitzern an die Mostereien gelieferten B-Ware im Trester landen, der wiederum in die Landschaft gekippt, ans Vieh verfüttert, zur Anzucht vermeintlicher "Wildapfel"-Mischungen herangezogen wird etc.

Schon heute stehen an Eisenbahnlinien, Autobahn-Parkplätzen, an Landstraßen und Wanderwegen und in Naturschutzgebieten ungezählte solcher aus weggeworfenen Apfelresten spontan aufgelaufenen Zufallssämlinge. Dazu einige Beispiele:

-    Allein auf einem Streckenabschnitt von rund 50 Kilometern an den Autobahnen A7 und A 44 im Raum Kassel / Paderborn stehen mindestens 25-30 solcher Apfelgebüsche, die kaum auffallen und nur zur Zeit der Obstblüte sichtbar werden.
-    In Berlin sind längs der Bahntrassen und der Straßen tragende Apfelsämlinge (ebenso wie diverse Aprikosen-, Pfirsich-, Pflaumen-, Süß- und Sauerkirsch- oder Birnensämlinge) allgegenwärtig.
-    Sämlinge diverser Kulturäpfel werden an naturnahen Standorten inzwischen des öfteren fälschlich als Wildsippen angesehen (z.B. in den Auwäldern bei Leipzig).
-    Entlang der Eisenbahnlinien in Deutschland sind solche Sämlingspopulationen ebenfalls verbreitet. Sie wurden von uns beobachtet und dokumentiert u.a. im Raum Sangerhausen/Südharz, im Raum Bernburg/Saale und im Raum Witzenhausen/Nordhessen.
-    An der Burgruine Hohenstaufen bei Göppingen steht mitten im Landschaftsschutzgebiet, umgeben ausschließlich von Laubwald, mindestens ein halbes Dutzend solcher Apfelsämlinge.
-    Tuis Visser, ehemaliger Mitarbeiter des niederländischen Obst- und Gartenbauinstituts in Wageningen, zählte entlang der Spazierwege durch die Dünen der Insel Schiermonnikoog im Jahr 2001 über 300 wild aufgelaufene Apfelpflanzen, die dort aus weggespuckten Apfelkernen entstanden sind. Und das, obwohl er schätzt, dass „ca. 10000 Kerne aus einigen Tausenden von Kerngehäusen notwendig sind“, um auf der ehemals apfelfreien Insel „einen einzigen gut wachsenden Sämling im Dünengebiet zu finden“ („Die wilden Äpfel von Schiermonnikoog“, Hrsg. Vermeerderingstuinen Nederland, Horst 2001, S.14).

In einer Zukunft mit gentechnisch veränderten Apfelsorten würden solche – aus weggespuckten Kernen entstandenen – Apfelgebüsche dann in aller Welt gentechnisch verändertes Erbgut enthalten und dieses über die Bestäubung weiter verbreiten. Die unkontrollierte Ausbreitung des GVO-Erbguts wäre nicht mehr zu beeinflussen.

Zu den hier geschilderten Ausbreitungswegen kommen weitere, die Sie in Ihren Veröffentlichungen ebenfalls nicht berücksichtigen:
-    Zu allen Zeiten haben sich Obstliebhaber in den Obstanlagen von Instituten interessante neue Sorten als Reis mit nach Hause genommen, sei es erlaubterweise, sei es unerlaubt „unter der Hand“.
-    Das gleiche kommt auch in den Obstanlagen der Erwerbsobstbauern vor: dort nehmen sich nicht nur Besucher mal Reiser mit, sondern auch die zahlreichen Erntehelfer z.B.
-    aus Osteuropa. Diese würden das transgene Erbgut in einer Zukunft mit Gentechnik ebenso wie die Apfelkonsumenten (oftmals ohne es zu wissen) in alle Welt tragen. Um die Haus- und Kleingärten dieser Landarbeiter gibt es dann jedoch keine 100-Meter-Abstände und "Schutzpflanzungen" mehr, um die Ausbreitung des gentechnisch veränderten Apfel-Erbguts einzudämmen!

Unsere hier ausführlich dargestellten Erfahrungen lassen die Risiken, die mit einem Einsatz der Gentechnik im Obstanbau verbunden sind, in einem gänzlich anderen Licht erscheinen, als in Ihren Veröffentlichungen. Einer Stellungnahme zu unseren Ausführungen von Ihrer Seite sehen wir mit Interesse entgegen.


Mit freundlichen Grüßen

Arbeitsgruppe Gentechnik im Pomologen-Verein e.V.
Martina Adams, Hans-Joachim Bannier, Joachim Brauss, Sabine Fortak, Herbert Ritthaler, Gertrud Walenda,

Folgende Unterzeichner schließen sich an:

überregional:
ABL - Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft
Agrar-Bündnis
Bioland
BÖLW - Bund ökologische Lebensmittelwirtschaft
BUKO Agrar Koordination
BUND - Bund Umwelt und Nauturschutz Deutschland
Demeter
Fördergemeinschaft Ökologischer Obstbau
Gäa - ökologischer Landbau
Gen-ethisches Netzwerk
Gentechnikfreie Regionen in Deutschland
Greenpeace
Mellifera
NABU Bundesfachausschuss Streuobst
NABU Bundesgeschäftsstelle
Bundesverband Naturkost/Naturwaren
Ökologischer Ärztebund
VEN - Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt
Zukunftsstiftung Landwirtschaft

regional:
Aktionsbündnis für gentechnikfreie Landwirtschaft in Sachsen
Aktionsgemeinschaft Sachsen gentechnikfrei
AG Streuobst
BUND LV Brandenburg
Grüne Liga
Sambucus
Slow food Dresden


 

 




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